Evergreens unter dem Christbaum

Es ist schon eine eigenartige Sache mit diesen Weihnachtsliedern. Obwohl die meisten von uns kaum über gesangliche Qualitäten verfügen und zu alledem auch selten über die erste Strophe hinauskommen, singen wir sie alle Jahre wieder. Warum? Weil sie so wunderbar nostalgisch sind. Wir haben Mantel, Stiefel, Kappe und Handschuhe angezogen und sind durch den Schnee der Vergangenheit gestapft, um uns den Ursprüngen der bekanntesten Weihnachtslieder zu nähern. Unsere erste Station ist Österreich.

Eine stille Nacht, Fröhlichkeit und alles Gute kommt vom Himmel hoch

Im verschneiten Dörfchen Oberndorf bei Salzburg treffen wir auf den Klassiker Stille Nacht, heilige Nacht. Die Melodie stammt vom Dorfschullehrer und Aushilfsorganisten Franz Xaver Gruber, der Text vom Aushilfspfarrer Joseph Mohr. Zum ersten Mal wurde das Lied im Winter 1818 gesungen. Damals wie heute faszinieren Melodie und Text die Menschen, und zwar so sehr, dass man von Übersetzungen in rund 300 Sprachen und Dialekte spricht. Zum Einstimmen empfehlen wir diese russische Version auf YouTube.

Weiter geht es nach Weimar. Der Privatgelehrte Johannes Daniel Falk hat vier seiner sieben Kinder an Typhus verloren. Aufgrund dieser Erfahrung richtet er ein Haus für verwaiste und verwahrloste Kinder ein. Um die armen Geschöpfe aufzuheitern, versieht er eine sizilianische Volkweise mit einem deutschen Text. Man schätzt die Entstehung von O du Fröhliche auf das Jahr 1815. Damals wurde dieser «Coversong» nicht nur an Weihnachten, sondern auch an Ostern und Pfingsten gesungen.

Kurz vor dem Jahreswechsel 1533/1534 stehen wir mitten in der Schreibstube eines berühmten Mannes. Es handelt sich um Martin Luther, der gerade dabei ist, mehrere Strophen für ein Lied zu dichten. Denn der Theologe ist nicht nur ein berühmter Reformator, sondern auch ein begnadeter Songwriter. Die Vertonung seines Textes erfolgt allerdings erst 1539 in Leipzig. Er nennt seine Komposition Vom Himmel hoch, da komm ich her und schafft etwas Unglaubliches: ein Evergreen, das fünf Jahrhunderte überdauert. Das muss dem Mann erst einmal jemand nachmachen.

Ihr Kinderlein kommet zum Tannenbaum, dem grünen

Eine besondere Geschichte entdecken wir hinter dem heiteren O Tannenbaum. Ursprünglich erzählt das Lied von Joachim August Zarnack von einer unglücklichen Liebe. Doch der Leipziger Kantor Anschütz will nichts von Herzschmerz wissen und macht aus dem traurigen Lied eine Hymne an den Christbaum. So geschehen 1824. Richtig Gehör gefunden hat das Weihnachtslied jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber ab da setzt es zu einem wahren Höhenflug an, und zwar so sehr, dass selbst die Fans des FC Chelsea die Harmonien mit Inbrunst singen. Allerdings heisst es bei ihnen «We’ll Keep The Blue Flag Flying High».

Auf unseren letzten Zeitreise-Stationen machen wir zuerst in Dänemark Halt. Dort lauschen wir der Melodie, die Johann Abraham Peter Schulz, Hofkapellmeister am Königshof in Kopenhagen, 1794 komponiert hat. Ein paar Jahre später hören wir zu, wie der katholische Pfarrer Christoph von Schmid seinen Schülern in Nassenbeuren sein Gedicht Die Kinder bey der Krippe vorliest. Und 1829 schauen wir Friedrich Hermann Eickhoff in Gütersloh über die Schulter, wie er Schmids Strophen mit der Musik von Schulz zusammenmixt und daraus Ihr Kinderlein kommet macht. Und weil Beziehungen schon damals ganz nützlich waren (Eickhoff war der Schwiegersohn des Verlegers Carl Bertelsmann), wird seine Fassung in einem Liederbuch (Verkaufspreis dreissig Pfennig) veröffentlicht, das aus der Volksweise einen Weihnachtshit macht.

Dem bekanntesten aller Weihnachtslieder wurde mit der Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf bei Salzburg ein Denkmal gesetzt.