07/17/2020

Wie die Coronakrise unsere Alltagssprache beeinflusst

Die Sprache ist ständig im Wandel. Globale Ereignisse können sie ebenso beeinflussen wie stetig wechselnde Trends. Aktuell gibt es ein Ereignis, das unser aller Leben beeinflusst: die Coronakrise. Die Krise geht mit einem speziellen Vokabular einher. Manche der Begriffe befinden sich bereits im Duden und waren zuvor nur selten in Gebrauch. Andere, vor allem aus dem Englischen importierte Vokabeln sind neu. Die Frage ist: Wie viele dieser Begriffe sind gekommen, um zu bleiben?

Eines ist klar: Die Coronakrise stellt ein Novum dar. Gewiss hat es in der Vergangenheit bereits Krisen und Pandemien gegeben und auch sie haben unseren Sprachgebrauch beeinflusst. Doch hierbei handelt es sich um ein globales Phänomen in der modernen Welt, das in kurzer Zeit unsere Art, zu leben, beeinflusst hat und damit auch unseren Sprachgebrauch. Das Thema durchdringt so gut wie jeden Lebensbereich: Politik, Arbeit, Privates.

Gewiss haben wir im Moment grössere Probleme, die vor allem die Gesundheit und die Wirtschaft betreffen. Doch Sprache ist ebenfalls wichtig. Sie prägt unser Denken, unsere Umgangsformen und sie bildet auch unsere Gesellschaft ab. An der Sprache erkennen wir, was uns gerade umtreibt. Daher kann es erhellend sein, unser durch die Coronakrise verändertes Vokabular in Augenschein zu nehmen.

Zunächst das Wort «Coronavirus». Dabei handelt es sich nicht um einen neuen Begriff. Im Zuge der SARS-Epidemie (Jahr 2002/2003) hielt er in den Duden Einzug, wurde aber nach der Epidemie kaum noch in der Öffentlichkeit gebraucht. Auch das Wort «Epidemie» und andere fachsprachliche Begriffe wie «Durchseuchung», «Herdenimmunität» oder «Letalität» haben zurzeit Hochkonjunktur. Inwieweit sie nach der Krise noch gebraucht werden, ist allerdings fraglich. Wahrscheinlich wird es sich ebenso wie nach der SARS-Epidemie verhalten: Sobald Themen wie Viren und Pandemien nicht mehr täglich in den Schlagzeilen stehen, gebraucht der Volksmund die damit verbundenen Begriffe seltener. Übrigens hat uns die Krise das Wort «Covid-19» als Neuzugang im Duden beschert.

Manche Begriffe gab es wie erwähnt bereits, doch waren sie den meisten Menschen zuvor nicht geläufig. Dazu gehört etwa «Triage». Dieses Wort bezeichnet die Priorisierung von medizinischen Hilfeleistungen. Im Zuge von knappen medizinischen Ressourcen kann es immer wieder dazu kommen, dass Ärzte und Krankenhäuser schwere Entscheidungen treffen müssen. Diese Problematik gerät damit in das Bewusstsein der Menschen, ebenso die prekären Verhältnisse in so manchen Gesundheitssystemen.

Andere Begriffe sind nicht neu, nur neu zusammengesetzt. Die Fähigkeit des Deutschen, Komposita zu bilden, macht vor der Krise nicht Halt, egal ob man Coronakrise nun mit oder ohne Bindestrich schreibt. Dazu kommen Begriffe wie «Corona-Baby» oder «Corona-Frisur» oder «Corona-Jahrgang». Während Ersterer möglicherweise nur den Eltern in Erinnerung bleibt, wird Zweiter nach der Krise wahrscheinlich verschwinden und Letzterer wird ein Leben lang an den jungen Leuten haften, welche im Sommer 2020 ihren Abschluss gemacht haben; Prüfung hin oder her. Viele weitere Komposita beherrschen sowohl die Schlagzeilen als auch soziale Medien, etwa «Corona-Hysterie», «Corona-Panik» oder «Corona-Bonds». Solche der aktuellen Situation geschuldeten Neuschöpfungen und Komposita werden nicht häufig genug genutzt, um den Weg in den Duden zu finden. Vor allem nicht nach der Krise. Gänzlich neu ist «coronieren». Dieses Wort bedeutet so viel wie alles der Coronakrise unterzuordnen. «Coronafrei» hingegeben beschreibt schlicht den Umstand, nicht vom Coronavirus infiziert zu sein.

Nicht jedes neue Wort oder Kompositum muss «Corona» enthalten. Neu ist zum Beispiel das etwas umständlich auszusprechende «Spuckschutzschild», also das in manchen Läden und Etablissements genutzte durchsichtige Schutzvisier. Wichtig in Zeiten der Coronakrise ist die Distanz. Daher bildeten sich Wörter wie «Distanzschlange» oder «Distanzbesuch». Um sich nicht gegenseitig anzustecken, sollen die Menschen zueinander Abstand halten. Wahrscheinlich werden auch diese Wörter nach der Krise an Relevanz verlieren. «Systemrelevant» ist ebenfalls kein neuer Begriff, allerdings aber im Zuge der Lockdowns häufig in Gebrauch.

Die Krise beschert uns auch einige Anglizismen. Wie bei den deutschen Wörtern handelt es sich dabei nicht um neue Vokabeln; sie gewinnen nur dank der neuen, ungewohnten Situation an Relevanz. Ganz vorne dabei sind «Lockdown», «Shutdown» oder «Homeoffice». Für alle drei gibt es keine guten deutschen Entsprechungen. Man könnte statt «Lockdown» auch «Ausgangssperre» sagen, doch beträfe das nur die Bewegungsfreiheit der Menschen. «Lockdown» jedoch zielt auf den Gesamtstillstand des alltäglichen Lebens und der Wirtschaft ab und beschreibt ein komplettes Herunterfahren jedweder Aktivität ausserhalb der eigenen vier Wände. Bei «Homeoffice» denken manche vielleicht an «Heimarbeit», doch beschreibt das nicht dieselbe temporäre Einrichtung eines Büros im vertrauten Heim. Die Flexibilität, von zu Hause aus zu arbeiten, wurde von Arbeitnehmern und Arbeitgebern schon lange gefordert. Manche sehen in der Krise eine Chance, dieses Konzept voranzubringen. Genauso zeigte sich auch, dass es in Sachen Digitalisierung einiges an Nachholbedarf gibt.

Der Begriff «Superspreader» wird von Epidemiologen schon seit Jahren benutzt, doch für uns Laien ist er neu. Der Duden hat ihn noch nicht gelistet und auf Wikipedia lautet die äusserst schwerfällige Übersetzung «Superverbreiter». Eine stärkere deutsche Variante wurde etwa beim Skandal um den Fleischkonzern Tönnies und im Fall Ischgl gebraucht: Virenschleuder. Doch ist eine Übersetzung überhaupt notwendig? Kaum. Denn durch die breite Berichterstattung verstehen selbst jene, die nicht über Englischkenntnisse verfügen, dass der Superspreader Viren in grossem Mass verbreitet. Es ist ein emotional stark geladener Begriff, den man mit Leichtsinn bis hin zu Skrupellosigkeit verbindet. Ob jedoch der Anglizismus als Schimpfwort in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen wird, ist mehr als fraglich.

«Social Distancing» ist ein neuer Begriff. Auch wenn das Distanzhalten in Zeiten von Epidemien kein neues Konzept ist, erblickte erst in dieser Krise das Wort «Social Distancing» das Licht der Welt. Vom Versuch, dieses Wort einzudeutschen, ist abzuraten. Das «sozial» im Begriff «soziale Distanzierung» hat eine gänzlich andere Konnotation als im Englischen. In unserem Sprachgebrauch bedeutet «sozial» unter anderem, wohltätig zu sein, während im Englischen damit eher die Geselligkeit gemeint ist.

Neben den neuen oder alten Anglizismen oder Fachbegriffen bringt die Krise auch eine andere Wortwahl mit sich. Präsidenten wie Macron oder Trump benutzen Begriffe wie «unsichtbarer Feind», wenn sie vom Virus sprechen. Auch das Wort «Krieg» fällt im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Virus. Derart martialische Sprache wird zumeist von den Staatslenkern gebraucht, um dem Volk den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Gewiss hat diese Wortwahl ihren Einfluss auf die Art, wie die Menschen über die aktuelle Situation denken. Manche beklagen Panikmache, andere motiviert es, die Massnahmen voll zu unterstützen und sich einzuschränken.

Maske ist ein Lehnwort aus dem Arabischen und bedeutet Narr, Posse, Scherz. Heute denkt bei diesem Begriff keiner an Fasnacht oder Jim Carreys Komödie von 1994. Durch Covid-19 sind wir Experten in Sachen Masken geworden, reden von Schutz-, Hygiene- und Atemschutzmasken, selbst Fachbezeichnungen wie FFP2 und FFP3 sind uns inzwischen geläufig. Spätestens nach der Verordnung der Maskenpflicht im ÖV ist der Mund-Nasen-Schutz zum sichtbaren Symbol für die Pandemie geworden. Es ist denkbar, dass wir die Vokabel Maske in naher Zukunft nicht mehr ganz so unbelastet verwenden werden wie noch vor 2020.

Inwieweit sich das Vokabular nach der Coronakrise verändert, hängt letztlich davon ab, wie sich unsere Lebensumstände dauerhaft verändern werden. Bleibt uns die Krise noch länger erhalten, dann werden viele dieser Wörter noch länger im Sprachgebrauch bleiben. Wenn nicht, dann darf man damit rechnen, dass die meisten von ihnen keinen Bestand haben werden.

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